Angeregt durch eine Diskussion im Bogensport-Forum

Grundsätzliches zum Thema Carbon-Pfeile und Compoundbogen

Wie gerade sind Carbon-Pfeile? Wie gerade müssen sie sein?  Es geht um Tausendstel!

Die meisten Carbon-Pfeile werden beworben mit einer speziellen, spezifizierten "Geradheit", bzw. mit der entsprechenden Toleranz. (Diese wird in der Regel gemessen an einem 28 Zoll Sektor eines Schaftes.) Wir kennen diese Toleranz als ".001" bis ".006"
Auf deutsch: Wir reden über einen Toleranzwert von EIN TAUSENDSTEL ZOLL BIS SECHS TAUSENDSTEL ZOLL!!
Tja, und in dieser Industrie ist es nun mal so, je gerader der Schaft um so teurer ist er auch. Die meisten standardmäßigen Carbon-Pfeile haben eine Tolleranz von ".006". Im Katalog oder auf den jeweiligen Webseiten sieht man diese meist mit der Bezeichnung "Hunter". Der Grund dafür ist, dass für Bogenjäger aus einem Hochsitz die Schussentfernung ca. 12 - 15 Meter beträgt. 
Diese Pfeile weichen auf dieser Entfernung bestimmt nicht vom Ziel ab.
Nun gibt es aber eben auch die "Mittelklasse" mit einer Toleranz von ".003"  und dann die sogenannten "Pro" oder "A" Schäfte mit einer Toleranz von ".001"

Über Eines musst Du Dir allerdings klar sein! Ein typisches menschliches Haar hat einen Durchmesser von ca. ".004" - ".006"!!
Du wirst also eine Toleranz von ".006", ausser mit Spezialwerkzeug, nicht mal messen können!

Die meisten Schützen, die ich kenne, sagen mir deutlich, sie können zwischen den ".006" und den ".001" Pfeilen keinen Unterschied feststellen. Ausser in der Brieftasche!  Also: Deutlich! Ich will NICHT sagen, dass die Geradigkeit eines Schaftes nicht eine sehr wichtge Eigenschaft ist. Aber die meisten Schützen sind nicht gut genug um den Unterschied zu merken. Autsch! Das tat jetzt weh, oder? Andereseits, die Top-Guns, die großen Wettkampf-Schützen berichten das Gegenteil und wählen die Pfeile mit ".001" oder sogar ".000" wenn sie zu kriegen sind.  Allerdings werden diese Schützen meist gesponsort und da ist es eh wurscht, wenn man die Pfeile nicht bezahlen muss! Da fällt die Wahl wohl nicht sooo schwer. :-)

Von einem rein physikalischen Standpunkt aus, spielt die Geradigkeit natürlich eine Rolle. Dies fällt besonders auf, wenn man die Pfeile aus einer Schießmaschine abfeuert. Besonders bei längeren Entfernungen und bei der Verwendung von Jagdspitzen. Die Gruppierungen sind messbar besser und der Pfeilflug ist gerader. Aber über eines sei Dir sicher: Wenn Du 100,- €uro mehr für das Dutzend Pfeile ausgibst und Du Dir die ".001" zulegst, wird Dich das eben NICHT automatisch in einen "Axel Langweige" oder in eine "Martina Schacht" transformieren!!  Wenn Deine Ergebnisse nicht so sind, wie Du sie gerne hättest, liegt das in der Regel zu über 90% eher am Bogen Set-up, am tuning oder an Deinem Schießstil und Deiner Technik! Trotzdem, die Geradigkeit Deiner Pfeile ist eine Variable, die Du "Für eine Hand voll Dollars mehr" :-))   beeinflussen kannst. Wenn es Dir hilft, auf dem Feld- oder 3-D Parcours den Sieg nach Hause zu bringen, dann war es das wert! Also, Gute Pfeile oder bessere Pfeile oder die BESTEN Pfeile? Die Wahl liegt bei Dir.

 Bezüglich der Geradigkeit, haben Carbon-Pfeile einen deutlichen Vorteil gegenüber Alu-Pfeilen. Carbons sind nicht gerader als Alus, aber sind wesentlich resistenter gegen "Verbiegen"! Wenn ein Alu-Pfeil bei ".003" beginnt, wird sich das recht schnell, durch normalen Gebrauch, ändern. Nach ein paar Monaten hat Dein Alu-Pfeil, der bei ".003" begann nur noch ca. ".012" oder ".025". Carbon-Pfeile haben in der Regel NICHT dieses "Material-Gedächtnis". Manche Schützen sagen, für Carbons gibt es nur zwei Zustände: Gerade oder gebrochen. Aber nicht verbogen. Auch wenn das nicht besonders genau ist, was ich hier sage, aber es hilft um Dir zu zeigen, wo der Punkt ist.

Pfeil-Gewicht:  Grains nicht Gramm!

Du brauchst nicht nur die exakte Länge Deines Pfeils, Du musst auch einiges über Pfeil-Gewichte wissen. Je nachdem, welche Länge, Typ, Spitzen-Gewicht, Befiederung, Nocken....  kann es dramatische Abweichungen im Gewicht geben. Wie schwer sollten Deine Pfeile sein? Schaun mer mal!

 Erstens:
Das Gewicht eines Pfeils wird üblicherweise in GRAINS gemessen. GRAIN und GRAMM sind zwei völlig unterschiedliche Maßeinheiten. Das GRAIN ist eine britische (englische) Maßeinheit und basiert auf dem Gewicht eines "Gerstenkorns"! GRAMM wiederum ist eine metrische Maßeinheit. Also, vorsicht, ein GARMM ist erheblich schwerer als ein GRAIN. Ein 350 Grain (gr) Pfeil wiegt nur 22,75 Gramm (g). Also, wir vergessen jetzt das Thema GRAMM und reden nur noch über GRAINS!

Da ein GRAIN extrem wenig ist (nur 1/7.000 eines Pfundes) oder ( 1 GRAMM gleich 15,43 GRAINS), hilft Dir die Küchenwaage nicht wirklich weiter. Du brauchst eine GRAIN-Waage. Gibt es im Fachhandel oder bei Ebay. Eine Tabelle mit den Grain-Gramm Zahlen findest Du auf meiner Webseite unter: www.compoundbow.de im Bereich Download.

Pfeil-Gewicht: Ist leichter = besser?

Dieses Thema ist uralt. Fakt ist, leichtere Pfeile fliegen schneller mit einer deutlich niedrigeren balistischen Kurve. Für viele Feld- und 3-D Schützen ist das ein beträchlicher Vorteil. Vielleicht hast Du schon mal in einem Katalog gesehen, dass bei Bögen der Begriff "shooting flat" auftaucht. Dieses "flat" ist die Referenz zur balistischen Kurve, die ein Pfeil nimmt. Ein schnellerer Pfeil nimmt diese Kurve deutlich niedriger.
Es ist in der Bogensport Industrie wie überall: "Speed sells"! Richtig oder falsch, es ist nun mal so. Wie in jedem anderen Bereich auch, die Hersteller stehen unter dem Druck die Dinger "schneller" zu machen. Das Ergebnis ist: Jedes Jahr gibt es leichtere Pfeile, effizientere Bögen, besseres Sehnenmaterial, usw. Die grundsätzliche Idee ist, leichtere Pfeile sind schneller, schwere Pfeile sind langsamer. Willst Du als Feld- oder 3-D Schütze eine flachere balistische Kurve, sind leichte Pfeile ein MUSS!

Pfeil-Gewicht:  Wie leicht ist ZU leicht?

Einen zu leichten Pfeil zu schießen kann sehr gefährlich sein. Einmal für Dich und für Deinen teuren Compound-Bogen. Einen zu leichten Pfeil zu schießen, hat den gleichen Effekt wie ein Trockenschuss! Ohne das entsprechende Gegengewicht des Pfeils, werden sich die Sehne und die Wurfarme ZU schnell und ZU heftig bewegen. Es wäre genauso, als würdest Du Deinen Wagen im Leerlauf über die erlaubte Drehzahl jagen. Der Bogen braucht den Widerstand des Pfeils, wie der Motor des Wagens den Widerstand braucht.

Natürlich fliegt ein "untergewichtiger" Pfeil wie eine Rakete. Unglaublich schnell. Belegt sind 442fps! Nur, jeder Schütze, der hierein seinen Ehrgeiz setzt, "sucht Ärger"! Moderne Compounds sind wirklich keine Spielzeuge! Diese Bögen produzieren sehr viel Energie und sollten wirklich mit Respekt behandelt werden. Ca. 95% aller Defekte an einem Compound kommen nicht von Produktionsfehlern der Hersteller sondern durch Trockenschüsse oder zu leichte Pfeile. Wenn es um Deine persönliche Sicherheit geht und um Deinen teuren Compound, empfehle ich Dir dringend, Dich an die Vorgaben der IBO, resp. der AMO zu halten.

Die International Bowhunting Organization (IBO) hat einen einfachen Standard: 5 grains pro lb. Zuggewicht. Du schießt also einen
60 # Compound, mal 5, heißt: Dein Pfeil sollte min. 300 grains wiegen. Der andere Standard kommt von der "Archery Trade Association" (früher hießen die AMO). Dieser Standard ist sehr viel komplexer und trägt den unterschiedlichsten Variablen Rechnung. Standhöhe, Bogen Effizienz, Cam Design, Auszugslänge, usw. Ist aber nicht so weit verbreitet. Einige Hersteller folgen dem AMO, andere dem IBO Standard. Manche, beiden. Abhängig von Deinem speziellen Bogen Set-up können diese Standards übereinstimmen, oder auch nicht.
Egal, bei 3-D Turnieren gilt sowieso der IBO. Die meisten Schützen die ich kenne, gehen auch nicht unter dieses empfohlene Gewicht.
Allerdings gibt es noch einen sehr wichtigen Aspekt:

Pfeil-Gewicht:  HERSTELLER-GARANTIE!!

Vor vielen Jahren, als die ersten Carbon-Pfeile auf den Markt kamen, gab es groß angelegt Kampagnen gegen die Carbon-Pfeile. In der Regel waren das Wettbewerber, Hersteller von Alu-Pfeilen. Und was für ein Unsinn da erzählt wurde. Die Pfeile seien gefährlich, würden nach dem 3. oder 4. Schuss splittern und brechen, sie wären zu krumm, der Schütze schneidet sich die Hände auf, und, und, und.....  Natürlich wissen wir heute, alles Unsinn! Carbon-Pfeile haben sich längst die Marktmehrheit gesichert. Die gleichen Hersteller, die damals getobt haben, machen heute Millionen von Dollars, resp. Euros damit!
Damit geraten wir in das Garantie - Durcheinander!
Fast alle Hersteller bewerten und bewerben ihre Bögen nach IBO. Sie nutzen exakt 5 gr./lb./Zgew. Und 32" Auszugslänge.

Willst Du also den gleichen  Speed, brauchst Du auch das gleiche Set-up. Aber sieh Dir mal dieses Photo an. Wie kann dieser 70# Compound jemals die Werbung erreichen? Beworben mit 300 fps nach IBO, aber der Hersteller VERLANGT ein Pfeilgwicht von mindestens 6 gr. pro lb. Zuggewicht. Bei 70# also ein Pfeilgewicht von 420 grains!!  Seltsam, oder? Diese Hersteller-"Empfehlung" ist schon paradox. Was sie sagen ist: "Dieser Bogen kann einen 350 grains Pfeil auf 300 fps beschleunigen, aber DIR ist das verboten, sonst verlierst Du die Garantie!!"

So lächerlich das auch klingt, es sind MEHRERE Hersteller, die dies so praktizieren!! Um ein paar Dollar Garantieleistungen zu sparen, oder besser, ihre Bögen nach außen sicherer erscheinen zu lassen, lassen eben einige Hersteller nur 6 gr./lb/Zgew. zu. Raffiniert! Einige Schützen folgen dem, andere ignorieren das.

Aber, hast Du einen solchen Aufkleber am Bogen, solltest Du Dich mit Deinem Hersteller oder Händler in Verbindung setzen, BEVOR Du leichtere Pfeile schießt!

Pfeil Spine:  Das "Rückgrat" Deines Pfeils.

Die offizielle Bezeichnung ist "Spine". Wie in der englischen Übersetzung von "Rückgrat". "Pfeil spine" bezieht sich auf den Grad der Steifigkeit eines Pfeils. Wie resistent er gegen verbiegen ist. Manche Pfeile sind sehr steif, andere sehr weich. Und wenn Du wirklich versuchst, mit Deinem Compound gute Ergenisse zu erzielen, musst Du einen Pfeil wählen, der den passenden spine hat. Nicht ZU hart, aber auch nicht ZU weich. Du siehst auf den Pfeilen immer div. Nummern. z.B.: GoldTip 5575, Beman 400, ACC 3-60 oder CarbonExpress 4560.  Jeder Hersteller hat sein eigenes Nummern-System. Untereinander NICHT vergleichbar. Also, so eine Zahl hat was mit dem spine des Pfeiles zu tun und muss nicht notwendigerweise zu Deinem Set-up passen. Beispiel: Wenn Du denkst, ein GoldTip 3555 hat was mit Deinem Compound zu tun, mit dem Zuggewicht von 35# bis 55#, vergiss es!! Das kann zwar sein, muss aber nicht. Die Steifigkeit dieses Pfeils, der "statische spine" ist nur EIN Faktor, der wichtig ist, den tatsächlichen, den "dynamischen spine" Deines fertigen Pfeils zu bestimmen.

Wenn Du weiterhin denkst, Du kannst die "spine Größen" von einem Hersteller auf den nächsten übertragen, vergiss auch das! Bei einigen Marken sind die höchsten Zahlen der steifeste Pfeil, bei anderen Herstellern ist es genau umgekehrt. Und bei Easton ist der "beworbene" spine Wert die exakte Durchbiegung. Wenn also auf einem Pfeil 300 steht, muss das bei einem anderen Hersteller NICHT der gleiche spine Wert sein. Noch mal, jeder Hersteller hat sein eigenes System. Du musst also bei jedem Hersteller in seine "Charts" schauen, bevor Du eine Entscheidung triffst.

Pfeil Spine: Warum ist das so wichtig?

Ein richtig gespinter Pfeil ist einfach sicherer und fliegt besser. Wenn ein Pfeil für Deinen Bogen ZU weich ist, kann er beim Abschuss brechen. Je weicher der Pfeil, umso größer dieses Risiko. In einigen Fällen hat das zu extremen Verletzungen geführt.
Doch abseits der Möglichkeit eines Unfalls, ein richtig gespinter Pfeil gibt Dir den bestmöglichen Pfeilflug und das Resultat sind bessere Ergebnisse. Die meisten Menschen denken, der Pfeil fliegt, wie man es sieht. Schön gerade. Daher ja auch das Sprichwort: "Fliegt gerade wie ein Pfeil." Nichts könnte weiter von der Tatsache entfernt sein. Eimal vom Bogen geschossen, beginnt der Pfeil sich sofort zu biegen und zu schwingen. Das ist KEIN Defekt! Pfeile MÜSSEN sich biegen! Fakt ist, ein zu steifer Pfeil fliegt genauso schlecht wie ein zu weicher Pfeil, wenn es um Treff-Genauigkeit geht. Also, bitte auch keinen zu steifen Pfeil schießen! Zu steif oder zu weich bringt Dir keine Vorteile. Im Gegenteil.
Jeder Pfeil biegt sich in einem bestimmten Bogen, wenn er den Bogen verlässt. (Archers Paradox) In Zeitlupenaufnahmen wird das sehr deutlich. Besonders bei Fingerschützen. Ein zu steifer Pfeil biegt sich zu wenig und so kommt es häufig zum Kontakt zwischen Befiederung und Bogen. Ein Pfeil mit Release geschossen, kommt oft eher vertikal als horizontal aus dem Bogen. Wir brauchen den richtigen spine!

Welche Faktoren beeinflussen den spine Wert eines Pfeiles?

Es gibt 3 generelle Komponenten, die wir uns ansehen müssen, wenn wir den perfekten spine Wert raus kriegen wollen.

(1) Die Steifigkeit des verwendeten Pfeilmaterials.
(2) Die Länge des Schaftes.
(3) Das verwendete Spitzengewicht.

Aber diese Sache ist nicht ganz so einfach. Wie steif ein Pfeil ist, wenn er ruhig im spine Tester liegt oder von 0 auf 100 m/sek. beschleunigt wird, sind zwei völlig verschiedene Sachen. Wenn der Pfeil auf der Auflage am Bogen liegt, bezeichnen wir seine charakteristische Steifigkeit als "statischer spine".  Wenn aber derselbe Pfeil in Bewegung ist, ist seine Steifigkeit eine Frage des "dynamsichen spine". Das bringt uns mehr Zutaten in unseren Topf.

Statischer spine des Materials

Beginnen wir mit dem statischen spine. Wenn Du einen Pfeil an 2 Punkten, mit festem Abstand,  auflegst und dann in die Mitte ein spezielles Gewicht hängst, bekommst Du eine messbare Durchbiegung. Der Widerstand des Schaftes gegen dieses Durchbiegen ist der "statische spine". Der statische spine wird bestimmt von der Elastizität des Materials und von der Geometrie des Schaftes. Bei Komposit-Schäften (Carbon/Alu) beeinflusst auch der verwendete Kleber noch den spine. Der Innendurchmesser, die Form des Querschnitts und die Wandstärke des Materials... das alles beeinflusst den spine das Schaftmaterials. Tja, toll, aber....
Ein Pfeil macht unter statischen Bedingungen nun mal genau NICHTS! Pfeile "arbeiten" nun mal nur unter dynamischen Bedingungen, in Bewegung, im Flug. Ein in die Mitte gehängtes Gewicht sagen nicht wirklich etwas über die Kräfte aus, die auftreten, wenn der Pfeil abgeschossen wird. Der statische spine ist also allenfalls eine Bezugsgröße für einen angenommenen dynamischen spine.

Dynamischer spine des Schaftes

Ausser der Pfeil ist gebrochen oder verbogen, bleibt der statische spine immer gleich. Der dynamische spine eines Pfeiles allerdings, kann sich dramaisch verändern. Der dynamische spine ist tatsächlich, wie sich der Pfeil biegt, wenn er geschossen wird. Ja, und da gibt es eine Menge Faktoren, die diesen dynamischen spine beeinflussen. Der statische spine ist nur ein Teil der Gleichung. Wenn Du den Pfeil abschießt wird die explosive Kraft des Bogens den Pfeil zusammen pressen und er wird sich unter dieser Anstrengung heftig biegen. Ungleich des gleichen statischen spines, kann der dynamische spine von zwei völlig gleichen Pfeilen extrem von einander abweichen, wenn man sie aus zwei verschiedenen Bögen schießt. Wie ist das möglich?
Angenommen, Du hast einen perfekt gespinten Pfeil für Deinen modernen 60# Compound mit harten Cams. Er ist perfekt, nicht zu steif, nicht zu weich. Nimmst Du aber diesen Pfeil und schießt ihn aus einem 40# Jugendbogen, wird er dramatisch zu steif sein. Er hat zuviel "dynamischen" spine! Genauso, Du nimmst den Pfeil des Jugendlichen und schießt ihn aus Deinem Bogen, der Pfeil ist VIEL zu weich, hat zuwenig dynamischen spine. Den tatsächlichen dynamischen spine für DEINEN Bogen zu finden, ist also ein wenig komplex und Du musst mehrere beeinflussende Faktoren berücksichtigen.
Also, auf geht's. Mach los, wir müssen alle da durch. :-)

Die Schaftlänge beeinflusst den spine Wert

Ein Pfeilschaft biegt sich eben nicht, weil in der Mitte ein Gewicht hängt, sondern weil er mit Gewalt vom Ende her in die Mitte gedrückt wird. Je länger der Schaft um so einfacher wird er sich biegen.
Nimm einen neuen Bleistift und drücke ihn längs zwischen Deinen Handflächen. Wird es Dir gelingen, ihn durch zusammenpressen der Hände so zu biegen, das er bricht? Sicher nicht. Aber stelle Dir vor, der Bleistifft wäre 1,5 Meter lang. Dann wäre das überhaupt kein Problem. Das gleiche Konzept gilt für Pfeile. Lange Pfeile haben weniger spine als Kürzere. Lange sind weicher, Kürzere sind steifer.

Das Spitzengewicht beeinflusst den spine Wert

Jeder Pfeil hat eine Spitze. (Sollte er zumindest haben.) Wie soll ich sagen....  Die Spitze erledigt das Geschäft eines Pfeils!
Es kann eine simple Target-Spitze sein, eine Feld-Spitze oder eine Jagd-Spitze, oder,  oder,  oder... Es gibt Dutzende von verschiedenen Spitzen in allen möglichen Formen. Jede dieser Spitzen ist mit einem speziellen Gewicht ausgestattet. Die am meisten verbreiteten Target-Spitzen sind: 75 gr., 85 gr., 90 gr., 100 gr., und 125 gr. Klar gibts auch Leichtere und Schwerere.

OK. Du erinnerst Dich, wie ein Bogen den Schaft zusammen presst beim Abschuss? Was drückt da in eine Richtung? Richtig, die Sehne. Gut, das war einfach. ABER!!... Welche Kraft drückt gleichzeitig in die andere Richtung? Du bekommst keinen Druckaufbau, wenn nicht gleichzeitig eine Kraft in die entgegengesetzte Richtung drückt! Also, die eine Kraft (Sehne) drückt auf das eine Ende des Pfeils. Was drückt also auf die andere Seite? Seltsam, aber es ist die SPITZE! Klar, aktiv macht diese Spitze nichts. Es ist nur ein Gewicht, das am anderen Ende des Schaftes hängt. Hm, erinnerst Du Dich an den Physik-Unterricht in der Schule? An Newtons Bewegungsgesetze? Das "Trägheitsgesetz": Ein Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen, geradlinigen Bewegung, solange die Summe aller auf ihn einwirkenden Kräfte Null ist. Ahh, ja! Alles klar? Die Spitze ist der "Körper in Ruhe" und die Sehne, die nach vorn drängt ist die "Kraft"! Die stationäre Masse des Pfeils will der Kraft der Sehne widerstehen und weil die schwere Spitze des Pfeils da ist, wo sich die meiste Masse des Pfeils befindet, ist dies der Teil dees Pfeils, der am meisten Widerstand leistet. So, der Widerstand der schweren, in Ruhe befindlichen Pfeilspitze und die Kraft der Sehne ergeben gegensätzliche Kräfte und .....  Voila!....  DRUCK! und DURCHBIEGUNG!
Je höher das Gewicht der Spitze, um so größer der Druck und die Biegung des Pfeils beim Schuss. Je geringer das Gewicht um so geringer die Durchbiegung. Also macht eine schwere Spitze den Pfeil weicher, reduziert den dynamischen spine und eine leichte Spitze macht den Pfeil steifer und erhöht den dynamischen spine.

Da das Konzept ein wenig abstrakt ist, ein "blödes" Beispiel: Schraube eine Bowling-Kugel an Deinen Pfeil und versuche ihn zu schießen. Beim Abschuss wird sich der Pfeil dramatisch biegen, geht (wenn überhaupt) nur sehr widerwillig nach vorne und VERSUCHT die Masse der Bowling-Kugel zu bewegen. Der Pfeil wird SCHWER unter Druck stehen zwischen der Kraft der Sehne und dem Beharrungsvermögen der Kugel.

Die Bogenleistung beeinflusst den dynamischen spine.

Wenn dieses ganze Gequatsche über spine Dir langsam auf den Sa... äh, Nerv geht, keine Panik. Nur noch ein paar Kleinigkeiten, dann gibts eine Zusammenfassung.
Die physikalischen Eigenschaften des Pfeils (statischer spine, Pfeillänge und Spitzengewicht) spielen alle eine Rolle für die spine Charakteristik eines Pfeils. Aber der dynamische spine (wie er sich beim Abschuss biegt) hängt natürlich auch stark von der Leistungsfähigkeit Deines Bogens ab. Dein Zuggewicht, Auszugslänge, Cam Typ, Let-off Prozente und Bogen-Effizienz tragen zur Leistungsausbeute Deines Bogens bei. Bögen mit stärkerer Leistung brauchen steifere Pfeile um den perfekten spine beim Schuss zu erreichen. Bögen mit weniger Leistung brauchen also weichere Pfeile.

Ein wenig gesunder Menschenverstand

Wie ich oben schon mal sagte, einige Hersteller haben sehr komplexe charts für ihre Pfeile. Andere haben einfache charts und setzen dafür ein durchschnittliches Bogen Set-up voraus.

Setze also ein wenig gesunden Menschenverstand ein, wenn Dein Bogen eben NICHT durchschnittlich ist. Beispiel: Du hast einen typischen 300 fps Compound (70#), nimmst 100 gr. Spitzen und hast ein 60-75% let-off. Alles was Du tun musst: Halte Dich an den chart.
Hast Du 60# und 29" Pfeile folge den Punkten auf dem chart und wähle den 200 spine. Einfach. Oder?
Aber was ist, Du schießt einen sehr agressiven Bogen, z.B. einen BowTech Black Knight oder einen Mathews Black Max?
So, IBO über 330 fps? In dem Fall wird Dein Bogen mehr Leistung haben als ein durchschnittlicher 60# Bogen. In dem Fall brauchst Du einen Pfeil, der steifer ist, wie etwa der 300. Du musst also wirklich eine GUTE Schätzung machen wenn Dein Set-up ein paar untypische Charakteristiken hat.

Spine Konsistenz & Toleranz

Ein letzter Gedanke zur Herstellung und Material Konsitenz. Wenn Hersteller sicher stellen können, das jeder Zentimeter eines Pfeils immer und ständig die gleiche Stärke und Zusammensetzung haben, hätte jeder Pfeil einer vorgegebenen Größe immer denselben spine. Jeder Pfeil sollte am Anfang, in der Mitte und am Ende gleich sein. Jeder Pfeil sollte den gleichen Widerstand bieten, egal in welche Richtung er gebogen wird. Und jeder Pfeil in einem set (Dutzend) sollte wirklich, ohne Toleranzen, gleich sein.

Klar, es gibt Carbon-Pfeile, die das von sich behaupten. Klar auch, es gibt Carbon-Pfeile, besonders im Billigbereich, die Unterschiede im spine haben. Und zwar beide: sowohl als einzelner Schaft und innerhalb eines sets. Die Unterschiede mögen klein sein, aber jede kleine Variation kann und wird den Pfeilflug beeinflussen. Nicht alle Hersteller von Carbon-Pfeilen geben ihre Toleranzen bekannt. Manche sagen nur: "consistant spine" und lassen es dabei.  

Wie bei dem Thema "Geradigkeit", die meisten Schützen sind nicht in der Lage die Unterschiede zu erkennen. Die Unterschiede sind eben wirklich sehr gering. Trotzdem ist es ein Thema, wenn Du den ultimativen Pfeil suchst. Um diese Ungenauigkeiten so gut es geht auszuschließen, nimm die besten Schäfte die Du Dir leisten kannst, von einem bekannten Hersteller. Wenn Dein Hersteller die Toleranzen nicht angibt: Schreib ihn an und frage. Kriegst Du keine Antwort: WELCHSELE den Hersteller!!
Wie Du dann noch aus Deinen Carbon-Pfeilen das OPTIMUM raus holst, kannst Du hier nach lesen:

http://www.compoundbow.de/pfeilbau.htm
http://www.compoundbow.de/carbon_pfeile.htm

Ein letzter Gedanke zum Thema spine

Wenn Du Dein Zuggewicht änderst, änderst Du die Energieausbeute Deines Bogens. Du hast Pfeile für Deinen 60# Compound bestellt und änderst dann den Bogen auf 50#. Deine Pfeile werden zu steif sein. Bevor Du also Pfeile bestellst, stelle sicher, das Dein Zuggewicht und Deine Auszugslänge wirklich passen! Bist Du ein "Schrauber", ein Jugendlicher, der noch wächst oder ein Anfänger der langsam in "sein" Zuggewicht rein wächst, wirst Du wohl mehere Pfeil-Sets brauchen um durch die einzelnen Perioden zu kommen.

Wir sehen uns an der Schießlinie!