Mythos - Compound
Mythos - Speed


Was hat es mit diesem "Mythos - Geschwindigkeit" eigentlich auf sich?

Compounds sind heute leiser, genauer und vibtationsfreier als wir es uns noch vor 10 Jahren vorstellen konnten. Es scheint so als würden heute Compounds immer schneller und schneller.
(Wir gehen im weiteren Verlauf von den IBO Standards aus. 70# Zugewicht, 30" Auszugslänge und 350gr. Pfeil.)
Die heutigen IBO Messungen sind nicht mal so unterschiedlich von denen vor 5 Jahren. Ein "weicher" Scheibenbogen macht ca. 280 - 290 fps. Ein Bogen mit mittleren Cams (Cam .5) macht ca. 300 - 310 fps. Die "high performance" Bögen liegen so bei ca. 315 - 325 fps. Und ein paar, die bis auf das letzte Quentchen ausgemolken werden, erreichen bis zu 340 - 350 fps. Das war, wie gesagt, vor 5 Jahren auch schon so. Warum geht es also nicht tatsächlich mit Riesenschritten weiter? Wann kommt der 400 fps Bogen?

Pfeilgewicht Standard
Kann irgendein Bogen heute schon 400 fps erreichen? Aber sicher! Aber sicherlich NICHT innerhalb akzeptierter Standards und sicher ist die Sache auch nicht. Wenn ich heute meinen AIGIL nehme (IBO 328 fps) und baue mir einen Pfeil mit 130 gr., voila, 400 fps. Aber sicherlich wird der Bogen das nicht sehr lange mit machen. Solche "Bulimie-Pfeile" zu schießen, bring ungeheuren Stress in den Bogen. Eigentlich entspricht das den Trockenschüssen! Bei solchen Pfeilen können sich die Cams verbiegen, die Cam-Achsen, die Sehne und Kabel können sich verabschieden oder die Wurfarme brechen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Es ist eigentlich "völlig blöde" solche Geschwindigkeiten durch ignorieren der Standards erreichen zu wollen. Halten wir uns also an den meist akzeptieren Standard der Industrie. Den IBO Standard. Dieser besagt: 5gr. Pfeilgewicht pro Pfund Zugewicht des Bogens. Um also diesen Standard zu erreichen, braucht ein Bogen mit 70# Zugewicht, einen Pfeil mit 350gr. (70 x 5)
Die IBO hat auch einen Standard um die Geschwindigkeit eines Bogens zu testen. Weil es natürlich nicht vergleichbar wäre, wenn jeder Hersteller seinen eigenen Standard aufstellen würde, hat man sich auf die IBO Methode geeinigt. Um also ein akkurates IBO Ergebnis zu bekommen, testet man unter den gleichen Konditionen: Den Bogen exakt auf 70#, exakt 30" Auszugslänge und der Testpfeil wiegt exakt 350gr. Auf diese Weise haben wir, die Schützen, eine "Apfel mit Apfel" Vergleichsmethode.

Draw Board
Um wirklich zu wissen, was mit einem Bogen und seinen Cams los ist, brauchen wir ein "Draw Board". Ganz vereinfacht ausgedrückt, ein Draw Board ist eine dicke Planke aus Holz oder Metall. Vorne ein Pfosten, wo ich den Bogen mit dem Griff einhänge. Hinten eine Seilwinde. Zwischen Bogensehne und dem Haken der Seilwinde, hänge ich eine elektronische Zugwaage.
Fertig ist mein Draw Board.
Ich bin nun in der Lage für jeden Zoll des Auzuges, das jeweilige Zuggewicht zu sehen und zu notieren. Damit kann ich mir eine "Zug-Kraft-Kurve" zeichnen.
Diese Linie, von der Standhöhe des Bogens bis zum Punkt des Vollauszugs, nennt man Powerstroke. In Ermanglung eines besseren deutschen Wortes, bleiben wir im Weiteren bei diesem Begriff.

Draw Board

Elemente der Zug-Kraft-Kurve

 

Die "V"förmige Aussparung zwischen den beiden Grafiken ist allgemein bekannt als das "Tal". Es zeigt wie schnell der Bogen den Übergang vom und zum Let-Off schafft. Ein Bogen mit einem sehr engen Tal erlaubt dem Schützen nicht, auch nur 2-3 mm zu "kriechen". Kriecht der Schütze im Vollauszug, bewegt also seine Zughand auch nur ein klein wenig nach vorn, schlägt sofort die gesamte Kraft des Bogens zu.

Zug-Kraft-Kurve
Schau Dir mal diese Grafik an. Sie zeigt Dir einen gezogenen Compond, der dann geschossen wird. Die wagerechte Linie zeigt Dir den Powerstroke, die senkrechte Linie das Zuggewicht. Bei (Punkt 1) ist der Bogen in Ruhe. Bei (Punkt 2) ist der Bogen ca. 4 Zoll gespannt und das Zuggewicht ist bei ca. 40#.  Zieht der Schütze weiter, nimmt das Zuggewicht kontinuierlich weiter zu, bis er nach ca. 10 Zoll bei (Punkt 3) das Gipfelzuggewicht von 67# erreicht hat.
Der Schütze ist über dem Gipfel und das Zuggewicht beginnt nachzulassen (Punkt 4) bis er das volle Let-Off (Punkt 5) erreicht hat. Die Spitze in der Mitte zeigt die Situation, dass unser Schütze voll in die Wand zieht. Manche machen das so, andere wiederum nicht. Diese Spitze kann also länger oder kürzer sein, hängt vom Schützen ab.
Die 2. Hälfte der Grafik zeigt den Bogen beim Abschuss. Diese Hälfte ist ein Spiegelbild der ersten. Außer, die Werte sind alle geringer!
Diese Grafik zeigt einen moderaten Bogen. Sein Cam ist nicht schwer zu ziehen. Die Kurve sieht wie eine Glocke aus, mit einer sehr deutlichen sanft ansteigenden und abfallenden Linie. Die generelle Beschaffenheit dieser Kurven gibt dem Schützen einen guten Eindruck davon, wie aggressiv sich der Bogen anfühlt  beim ziehen. 

Cam Geometrie
Klar, wir wissen, nicht alle Cams sind gleich. Manche sind speziell darauf konstruiert, dem Schützen einen weichen, sanften Auszug zu geben. Andere sind gnadenlos auf Performance ausgelegt. Die tatsächliche Cam Geometrie bestimmt wie weich oder aggressiv  der Powerstroke dann sein wird. Sieh Dir mal die Grafiken hier unten an. Es sind Beispiele für unterschiedliche Cam Systeme.
 

Runde Excentrics 

Wie Du sehen kannst, ein Bogen mit runden Excentrics hat einen sehr moderaten Anstieg, die Kurve ist glockenförmig und der Bogen erreicht sein Spitzengewicht nur für einen Moment. Dieser Typ fühlt sich sehr leicht zu ziehen an, aber er speichert nicht viel Energie und natürlich ist er der langsamste Bogen. Obwohl es diesen Typ Jahrzehnte lang gab, es gibt heute noch viele Schützen, die diesen Typ bevorzugen. Ganz besonders Schützen die ohne Release, mit den Fingern lösen. Einige Hersteller bieten noch Bögen mit diesen runden Excentrics an.   

Medium Cam  
Die Grafik des Medium Cam zeigt das heutige typische Einsteiger Cam und das Hybrid-System. Diese Cams sind aggressiver, erreichen sehr viel schneller ihr Gipfelgewicht und fall viel abrupter ins Tal. Sie speichern mehr Energie als der Bogen mit runden Excentrics und sind sehr viel schneller. Natürlich, ein Medium Cam Bogen "fühlt" sich im Gipfelgewicht schwerer an als der "Runde". Dieser Cam Typ ist sicherlich für die meisten Schützen geeignet. Er ist eine gute Mischung aus gutem Gefühl und Performance.

Hartes Cam
Das letzte Beispiel ist das harte Cam. Es ist ausgelegt auf maximale Energiespeicherung und Speed. Sieh Dir mal an, wie schnell er sein Gipfelgewicht erreicht und wie steil er ins Tal fällt. Und schau Dir mal das Plateau an. Über welchen Weg der Schütze das Gipfelgewicht ziehen muss!! Diese Art Cam Geometrie speichert erheblich mehr Energie und hat in der Regel einene IBO Wert von über 320 fps. Die andere Seite ist, diese Art Cams fühlen sich sehr rauh und schwer an. Verglichen mit den anderen Bögen, als wäre es mehr Zuggewicht! Diese Bögen sind sicherlich nicht für jeden Schützen geeignet. Aber für den Schützen der Speed braucht, der richtige Weg.

Vergleiche
Dies sind verschiedene Kurven aus dem Katalog eines bekannten Herstellers. Man sieht deutlich, der Hersteller bietet 4 sehr unterschiedliche Cam Typen an. Die pinkfarbene Linie zeigt das aggressivste Cam, die hellblaue Linie den Durchschnitt und die gelbe Linie das sanfteste Cam.
Ganz klar, es gibt kein richtig oder falsch!!
Es ist aber gut, wenn die Hersteller dem Schützen die Wahl überlassen, denn jeder Schütze hat andere Prioritäten und Erwartungen. So bieten die meisten Hersteller sanfte und aggressive Systeme an, um jeden Geschmack zu treffen.

Achtung:
Diese Grafik sieht anders aus als die oben. Sie zeigt nur die erste Hälfte einer Zug-Kraft-Kurve. (Was allerdings typisch ist.)
Die anderen Grafiken sind mit dem Bow-Force-Mapping System von Easton gemacht worden, mit dem man beide Seiten zeigen kann.

Der Bereich UNTER der Kurve
 
So, was haben diese Linien und Kurven zu sagen, wenn es um Speed, um Geschwindigkeit geht? ALLES! So wie die Aggressivität eines Cams steigt, steigt auch die gespeicherte Energie!! In der Zug-Kraft-Kurve zeigt das Areal UNTER der Kurve die Menge der gespeicherten Energie. Je größer das Areal, um so mehr Energie, um so mehr Geschwindigkeit erreicht der Bogen beim Schuss. Wie Du sehen kannst, der "Hart Cam" Bogen speichert die meiste Energie. Welcher Hersteller auch immer die Rekorde brechen will, muss dieses System ins Extreme treiben.

Energie-Speicherung, Energie-Ausbeute
Wie ich schon sagte, die zweite Hälfte der Kurve ist das Spiegelbild der Ersten. Außer das die Werte geringer sind. Das sind leider die physikalischen Realitäten einer jeden Maschine. Ganz egal wie gut eine Maschine ist, Du bekommst nie mehr Energie heraus, als Du rein steckst. Tatsache ist, Du hast IMMER einen Verlust!Natürlich, die Energie ist nicht verloren, sie wird nur in etwas umgewandelt, das wir aber nicht unbedingt brauchen. (Wärme, Vibration, Geräusch, etc.) Der hauptsächliche Lebenszweck eines Compoundbogens besteht darin, menschliche Muskelenergie zu speichern und in Bewegungsenergie auf den Pfeil zu übertragen. Wäre das System 100% effektiv, würde der Pfeil den Bogen mit der gleichen Menge Energie verlassen die gebraucht wurde um den Bogen zu spannen. Leider sieht die Realität anders aus. Selbst die besten Bögen auf dem Markt erreichen bei weitem nicht diese 100%!

Energieverlust
Wenn Du einen Bogen spannst, wird ein Teil Deiner Muskelenergie dazu verwendet Reibung zu überwinden und nicht nur die Wurfarme zusammen zu ziehen. Reibung an den Cam-Achsen, Sehnenoberfläche, Kabel-Gleiter, usw. Wenn Du also einen 70# Bogen ziehst, verwendest Du ein paar Pfund an Aufwand um Dinge zu bewegen! Es ist traurig aber wahr, diese Energie bekommst Du beim Schuss NICHT zurück! Das ist der Grund warum die zweite Hälfte der Kurve immer etwas niedriger ist als die Erste. Diese Minderung oder Verlust an effektiver Energie nennt man "Hysterese". Das ist etwas, mit dem ALLE Bögen zu kämpfen haben. Auch die SPEED-Bögen!
Die Frage ist, wieviel verlieren wir denn tatsächlich?
Die Grafik hier ist die Gleiche wie oben. Sie ist einfach zusammen gefaltet um beide Seiten direkt zu vergleichen. Der Bereich zwischen den beiden Kurven zeigt was der Bogen an Energie verliert. Eben durch diese ominöse Hysterese.

Während ein guter, High-Performance Bogen eine Effizienz von ca. 80% hat, gibt es da schon einige die das Feld anführen. Zum Beispiel haben ELITE und BOWTECH, Bögen, die sich bei 85% bis 86% bewegen.
Dies ist der Bereich, wo sich von den Herstellern noch Verbesserungen erreichen lassen. Vermutlich werden wir in den nächsten 3-4 Jahren Bögen sehen, die auch 95% Effizienz erreichen.

Der SUPER Bogen
Wir gehen davon aus, morgen kommt der SUPER Bogen mit 400 fps. Toll! Nur, wer will den wirklich schießen? Egal wie er vermarktet würde, es wäre ein fast unschießbarer Bogen. Ultra-aggressive Cams und eine Standhöhe, das die Sehne bei jedem Schuss aufs Handgelenk schlägt. Dieser Superbogen wäre nicht mehr als eine weitere Kuriosität auf dem Markt. Fakt ist, sieht man sich die Verkauftszahlen an, bekommt man den Eindruck, die Käufer drehen sich von den 340+fps SPEED-Bögen weg, sobald der Chrono abgeschaltet ist. Die Durcvhschnittsgeschwindigkeit aller Bögen am Markt war in 2007 306,9 fps. Denn wenn es um den eigenen Bogen geht, wollen doch die meisten einen moderaten Bogen mit 7+ Zoll Standhöhe und einer moderaten Auszugscharakteristik. Natürlich wird die Industrie an der Stelle weiter machen. Irgendwann wird jemand lauthals verkünden:
"WIR HABEN DEN ERSTEN 400 FPF BOGEN!" Ja, und?

Weil die meisten Schützen die Bögen mit den ultra-aggressiven Cams nicht kaufen, scheint also der Weg noch Aggressivere zu entwickeln, der Falsche zu sein. Der einzige Weg, der offen bleibt, ist die Effizienz der Bögen zu verbessern. Eine 5%ige Verbesserung der Effizienz würde eine Verbesserung von 15 fps bei den IBO Messungen bedeuten. OHNE den Bogen NOCH ungemütlicher zu machen. Diese 5% Verbesserung würde aus heutigen Durchschnittsbögen schon High-End Bögen machen. Und sollte die Effizienz gar in den Bereich 95% gehen, würde ein heutiger, moderater Bogen mit ca. 300 fps. locker mit 340 bis 350 fps durch den Chrono gehen.
Doch für 2008 ist ein 400 fps Bogen nur ein Traum für Speed-Junkies!!

Wir sehen uns an der Schießlinie.